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Ägypten: "Das christliche Leben blüht"

Im Gespräch mit Ramez Attalah, dem Direktor der Ägyptischen Bibelgesellschaft.

Die jüngere Generation entdeckt den Bibeltext mithilfe von Apps und anderen elektronischen Medien der Ägyptischen Bibelgesellschaft. Foto: Dag Smemo/Norwegische Bibelgesellschaft

Ramez Attallah, Sie sind seit mehr als 26 Jahren bei der Bibelgesellschaft aktiv. Wie hat sich die Bibelgesellschaft in Ägypten verändert?

Im Jahr 1990 hatten wir drei Buchhandlungen mit 17 Mitarbeitenden, inzwischen sind es 16 Buchhandlungen mit etwa 220 Mitarbeitenden. Wir haben mittlerweile neun regionale Bibelzentren. Darüber hinaus haben wir unser sechsstöckiges Bibelhaus in Kairo, wo auch die Mitarbeiter für Verwaltung, Verlag, Vertrieb und Fundraising tätig sind.

In den vergangenen Jahren haben wir knapp 800 verschiedene biblische Produkte entwickelt, sowohl gedruckte Publikationen als auch Hörbücher und Videos. Die Hälfte der Titel ist für die Zielgruppe der Kinder. Die verschiedenen Angebote der Bibelgesellschaft erreichen jedes Jahr etwa eine halbe Million Kinder mit Gottes Wort. Mit riesen Plakatwänden kündigen wir neue Produkte an oder verbreiten eine biblische Botschaft. 

Wo liegt heute der Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit?

Wir möchten ansprechende Materialien für die jüngere Generation entwickeln, beispielsweise Apps und andere elektronische Medien, die den Bibeltext zugänglich machen. Das ist überall auf der Welt ein wichtiges Thema: Junge Menschen sind gefangen von ihren technischen Geräten. Sie sind kaum in der Lage, sich länger auf einen Inhalt zu konzentrieren. Sie sind eher gewohnt, rasch einen Bibelvers für den Tag als „geistlichen Glückskeks“ zu konsumieren. Wir möchten jedoch nicht, dass es dabei bleibt.

Wie wollen Sie die jungen Menschen erreichen?

Beispielsweise mit unserer Talente-Show für Jugendliche und Studierende, die im Sommer 2016 erstmals durchgeführt wurde. Der Titel war „In His Image“ („In seinem Bild“). Jeder Beitrag sollte zu einem der drei Themen, „Geburt Jesu“, „Kreuzigung und Auferstehung“ oder „christliche Werte“ gehören. Dazu wurden Workshops in Musik, Theater und Poesie angeboten. In das Projekt ist viel Arbeit geflossen. Die Mühe hat sich gelohnt, denn wir haben einen Weg gefunden, die Jugendlichen anzusprechen.

Wie ist das gelungen?

Beim Testlauf im vergangenen Sommer waren tausende Teenager dabei, die nur rumhängen. Jetzt hatten diese jungen Leute etwas, das sie begeistert. Sie waren herausgefordert, ihre Talente einzusetzen und motiviert, einen der attraktiven Preise zu gewinnen. Örtliche Firmen waren ebenso wie Spender am Projekt beteiligt. Viele der Jugendlichen haben in ihren Beiträgen über ihre Kämpfe, aber auch über andere Aspekte ihrer Glaubenswege berichtet. Dabei konnten wir bei den Verantwortlichen in den Kirchen ein neues Verständnis für die jungen Menschen schaffen.

Ramez Atallah ist seit 1990 Direktor der Ägyptischen Bibelgesellschaft. Foto: Bruce Hamish

Wie ist die Situation der Christinnen und Christen in Ägypten heute?

Das christliche Leben blüht. Die meisten Kirchen und Gemeinden wachsen und bieten immer mehr Aktivitäten für die verschiedenen Altersgruppen an.

Wie ist das Miteinander von Muslimen und Christen?

Die Situation ist grundsätzlich friedlich, solange die Christen ihre Position akzeptieren. In manchen Fällen ist dies diejenige eines Bürgers zweiter Klasse. Die Christen, die trotzdem erfolgreich sind, haben sehr viel erreicht. Die reichste Familie in Ägypten ist christlich. So kann ich nicht sagen, dass alle Christen verfolgt werden. In Dörfern und ärmeren Gegenden haben sie es jedoch schwerer.

Im Dezember 2016 verübte ein Selbstmordattentäter einen Anschlag auf Christen in einer koptischen Kirche in Kairo. 25 Menschen verloren dabei ihr Leben. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ bekannte sich zu dem Anschlag. Wie gingen die Mitarbeitenden der Bibelgesellschaft mit der Situation um?

Ein Mitarbeiter der Bibelgesellschaft teilte mir seine Gefühle folgendermaßen mit: „Wir lieben Ägypten. Wir arbeiten für das Wohl unseres Landes und doch sind wir frustriert. Wir wissen, dass Gott die Kontrolle hat und doch sind wir verletzlich und ängstlich. Wir haben Vertrauen in die Güte Gottes und doch fragen wir, Warum? Wir haben die Verpflichtung zu lieben und für die Mörder zu beten, und doch kämpfen wir mit Hass und Wut.“

Wie reagierten die Christen in Ägypten?

Die Kirchen und die Christen waren erneut gefragt, der Aufforderung der Bibel nachzukommen: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm 12,21) Trotz des Schreckens, der Trauer und der Frustration reagierten die Christen in Ägypten mit dem Wunsch nach Liebe und Vergebung.

Dieses Interview ist im Magazin "die Bibel aktuell" erschienen. Das Magazin der Österreichischen Bibelgesellschaft erscheint vier Mal im Jahr - jetzt bestellen oder online lesen.

Die Bibel aktuell: Ägypten (PDF-Download)

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