
„Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!“
„Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“
Zwischen diesen beiden Extremen, der aussichtslosen Verzweiflung auf der einen und der hoffnungsvollen Gewissheit eines guten Gottes auf der anderen Seite, erstreckt sich das Reden Hiobs in dem gleichnamigen biblischen Buch.
Hiob, ein frommer, rechtschaffener und gottesfürchtiger Mann, verliert durch Schicksalsschläge alles, was in seinem bisherigen Leben das Glück ausgemacht hat: seinen Besitz, seine Kinder und seine Gesundheit. Nicht wissend, dass er – mit Gottes Zustimmung – vom Satan auf die Probe gestellt wird, nimmt er vorerst alles in Gottesergebenheit hin: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herren sei gelobt!“. Er erhält Besuch von drei Freunden, die in mehreren Gesprächsrunden erörtern, warum Gott Hiob so hart straft. Hierbei steht die Position der Besucher, dass Gottes Handeln immer begründet sei und folglich auch bei Hiob irgendein Vergehen vorliegen müsse („Bedenke doch: Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt?“) der Überzeugung Hiobs von seiner eigenen Unschuld gegenüber. Hiob wird von ihnen aufgefordert, das erlittene Leid mit Würde zu tragen („Selig, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist.“). Dieser will sich jedoch nicht mehr länger beherrschen: „Ich will reden in der Angst meines Herzens und will klagen in der Betrübnis meiner Seele.“.
In einer weiteren Steigerung tritt er nun in Konfrontation zu Gott: „Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, daß ich recht behalten werde.“ Nach weiteren Diskussionen mit seinen Freunden und einer Rückschau auf sein bisheriges Leben fordert er schließlich Gott direkt heraus: „Der Allmächtige antworte mir!“ Gott spricht nun tatsächlich zu Hiob „aus dem Wettersturm“ und tadelt ihn für seine Verwegenheit: „Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen“. Hiob nimmt die Zurechtweisung an: „Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche“, woraufhin Gott ihm den doppelten Reichtum zurückerstattet und seine Verwandten und Bekannten wieder zurückkommen lässt. Als Vater von sieben Söhnen und drei Töchtern stirbt er schließlich „alt und lebenssatt“.
Als ein Text des 6. oder 5. vorchristlichen Jahrhunderts gibt dieser Zeugnis für die Gedanken, mit denen sich die nachexilische Gemeinde beschäftigte. Hiob jedoch als ein Mensch, der zwischen seiner Lebensführung und dem erfahrenen Leid keine Relation erkennen kann und so vor Gott Anklage erhebt, kann andererseits zeitlos für jeden Menschen stehen, der sich in einer Lebens- und Glaubenskrise befindet und mit seinem herkömmlichen Gottesbild nicht mehr zurechtkommt, d. h. der seinen Gott nicht finden kann („Ach, daß ich wüßte, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte!“). Die Antwort, die die Religion in ihrer weiteren Entwicklung auf diese alte, von Hiob erstmals in dieser Schärfe gestellten Theodizeefrage geben wird, ist die Jenseitshoffnung: Wenn sich die Gerechtigkeit nicht innerweltlich verwirklicht – ein guter und gerechter Gott vorausgesetzt –, so besteht immer noch die Hoffnung, daß im Jenseits ein Ausgleich geschaffen wird, und die Guten ihre Belohnung und die Gottlosen ihre Strafe erhalten. Für Hiob existiert diese Möglichkeit noch nicht. Ihm bleiben allein die Erkenntnis, dass er Gottes Pläne als Mensch nicht verstehen kann („was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe“), und die vertrauensvolle Ergebenheit in diese.
Textbeispiel
Die Rahmenhandlung (Hiob 1,1-3,3; Hiob 42,10-17)
(Einleitung) Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten. Und seine Söhne gingen hin und machten ein Festmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.
Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen. Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. Der HERR sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, daß Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen! Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan hinaus von dem HERRN.
An dem Tage aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten, und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide, da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte. Als der noch redete, kam ein anderer und sprach: Feuer Gottes fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte. Als der noch redete, kam einer und sprach: Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte. Als der noch redete, kam einer und sprach: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, daß sie starben, und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte.
Da stand Hiob auf und zerriß sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt! - In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.
Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, daß auch der Satan unter ihnen kam und vor den HERRN trat. Da sprach der HERR zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. Der HERR sprach zu dem Satan: Hast du acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben. Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Haut für Haut! und alles, was ein Mann hat, läßt er für sein Leben. Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen! Der HERR sprach zu dem Satan: Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone sein Leben!
Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des HERRN und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel. Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche. Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb! Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.
Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie waren eins geworden hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten. Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriß sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war.
Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. Und Hiob sprach: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!
(Schluss)Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt soviel, wie er gehabt hatte. Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück, das der HERR über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeder gab ihm ein Goldstück und einen goldenen Ring. Und der HERR segnete Hiob fortan mehr als einst, so daß er vierzehntausend Schafe kriegte und sechstausend Kamele und tausend Joch Rinder und tausend Eselinnen. Und er bekam sieben Söhne und drei Töchter und nannte die erste Jemima, die zweite Kezia und die dritte Keren-Happuch. Und es gab keine so schönen Frauen im ganzen Lande wie die Töchter Hiobs. Und ihr Vater gab ihnen Erbteil unter ihren Brüdern. Und Hiob lebte danach hundertundvierzig Jahre und sah Kinder und Kindeskinder bis in das vierte Glied.
Und Hiob starb alt und lebenssatt.