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Das Buch der Psalmen

Der Inhalt

„Nichts darüber hinaus kann im Menschen gefunden werden.“, schrieb der alexandrinische Bischof Athanasius im 4. Jahrhundert n. Chr. über das Buch der Psalmen. In der Tat sind in den 150 Lobliedern – so die Übersetzung der hebräischen Bezeichnung dieses Buches – alle Gefühle und Stimmungen von tiefster Verzweiflung und Todesangst bis hin zum großartigsten Jubel und Dank enthalten. Die Grundsätzlichkeit der dargestellten menschlichen Gefühle sowie deren Formulierung in eindringlichen Worten („Was betrübst du dich, meine Seele?“) und poetischen Bildern („Der Herr hält ihn fest an seiner Hand.“) ermöglichen es auch dem heutigen Leser, in die Gesänge dieses biblischen Gebetbuches einzustimmen.
Die lange Entstehungsgeschichte des Psalmenbuches über mehr als fünf Jahrhunderte (6.-1. Jahrh. v. Chr.) sowie mehrfache Überarbeitungen bedingen einerseits sprachliche Unebenheiten und die etwas unübersichtliche Anordnung der Texte, zeugen jedoch auf der anderen Seite auch von der Lebendigkeit dieser Liedersammlung und dem großen Interesse an ihr.
Befremden wird mit Sicherheit der harte Umgang mit Feinden und Gottlosen, um deren grauenvolle Vernichtung Gott immer wieder gebeten wird, und der im Widerspruch zu dem neutestamentlichen Gebot, seine Feinde zu lieben, zu stehen scheint.

Wichtig ist zunächst die Wahrnehmung, dass hinter den Vergeltungs- und Rachewünschen stets eine aufs Äußerste bedrohte und gefährdete Person oder Gruppe steht, der durch andere großes Unrecht zugefügt wird. Im Schrei nach Rache und Vergeltung brechen ohnmächtige Wut, Enttäuschung und Verzweiflung hervor und verschaffen sich einen sprachlichen Ausdruck. Entscheidend ist die Einsicht, dass das Motiv hinter den Rachewünschen nicht in persönlicher Rachsucht besteht, sondern in dem verzweifelten Wunsch, dass Gott das Recht wiederherstellen möge.
Der Schrei nach Rache in den Psalmen ist also ein Schrei nach Gerechtigkeit, die nach damaliger Auffassung nur als ein Ausgleich innerhalb des Erdenlebens vorstellbar war, d.h. als konkrete und daher in der Regel gewaltsame Überwindung der „Feinde“. Indem jedoch der Vollzug der Rache stets auf Gott übertragen wird, sind paradoxerweise gerade die Vergeltungs- und Rachewünsche letzten Endes nichts anderes als ein Verzicht auf persönliche Rache, ganz im Sinne von Römer 12,19: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose/Deuteronomium 32,35): ’Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.’“
Die Rache- und Vergeltungswünsche der Psalmen bitten Gott um die Überwindung des Bösen, wie es – in maßvolleren Worten – auch im Vaterunser geschieht (Mt 6,13); sie bleiben uns in der Härte ja Grausamkeit ihres Ausdrucks zwar fremd, aber da sie Gerechtigkeit allein von Gott erhoffen, stehen sie uns im Innersten doch nah.
(Der Wortlauf folgt dem Bibelleseplan der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen.)

Textbeispiele


Der Weg des Frommen – der Weg des Gottlosen (Ps 1)

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.
Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.
Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht.


Der gute Hirte (Ps 23)

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.


Verlangen nach Gott (Ps 42, 1-6)

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.
WAS BETRÜBST DU DICH, MEINE SEELE, UND BIST SO UNRUHIG IN MIR? HARRE AUF GOTT; DENN ICH WERDE IHM NOCH DANKEN, DASS ER MEINES ANGESICHTS HILFE UND MEIN GOTT IST.


Hohelied der Barmherzigkeit Gottes (Ps 103)

Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.
Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.
Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.
Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, läßt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abend, läßt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.
Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, daß wir Staub sind.
Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.
Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, daß sie danach tun.
Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.
Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, daß man höre auf die Stimme seines Wortes!
Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!
Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft!
Lobe den Herrn, meine Seele!


Gottesferne – Gottesnähe (Ps 22)

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«
Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter. Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an, du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an. Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.
Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt.
Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe.
Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.
Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.
Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.
Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.
Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.
Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden! Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere - du hast mich erhört!*
Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen: Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Hause Israel! Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er's.
Dich will ich preisen in der großen Gemeinde, ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.
Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben.
Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.
Denn des HERRN ist das Reich, und er herrscht unter den Heiden. Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten. Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen; vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird. Denn er hat's getan.

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