
Während es sich bei der Weisheit Salomos und dem Buch Kohelet (Prediger Salomo) um eine fiktive Autorenschaft handelt, dürfte zumindest ein Teil dieser Spruchsammlung auf König Salomo selbst zurückgehen. Neben jüngeren Autoren – die Abfassungszeit des Buches wird zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert v. Chr. angesetzt – zeigen sich in diesem Buch möglicherweise auch Reflexe noch älterer Weisheitslehren, was ein Vergleich mit ähnlichen Spruchsammlungen aus dem altorientalischen Raum nahelegt.
Inhaltlich nimmt dieses Buch zu Themen wie etwa Gehorsam gegenüber den Eltern, Fleiß und Faulheit, Gerechtigkeit und Gottlosigkeit, das richtige Verhalten gegenüber der Ehefrau und den Armen Stellung. Das Rezept für eine gelungene Lebensführung besteht im Besitz der Weisheit. Diese kann jedoch nicht durch Aneignung von Wissen erlangt werden, sondern allein durch Gottesfurcht: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis (Spr 1,7).“ Im Gegenteil heißt es sogar: „Wer sich auf seinen Verstand verläßt, ist ein Tor (Spr 28,26).“
Weisheit besteht in diesem Sinne in der Vielfalt der Lebenserfahrungen und der daraus resultierenden Einsicht in die verborgenen Ordnungen des Lebens und der Welt. Anstelle der Weiterverarbeitung der gewonnenen Erkenntnisse zu einem geschlossenen philosophischen System bleiben in diesem Buch Sentenzen lose verbunden und mitunter auch widersprüchlich nebeneinander stehen und weisen als einziges verbindendes Element immer wieder ihren Bezug zu Gott auf.
Einige dieser Sprüche sind in etwas abgewandelter Form in unserer Alltagssprache als Sprichwörter erhalten geblieben: z.B. Spr 16,9: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ (Der Mensch denkt, und Gott lenkt) oder Spr 27,1: „Rühme dich nicht des morgigen Tages; denn du weißt nicht, was er bringt.“ (Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben.).
Textbeispiele
Verlaß dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlaß dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen. (Spr 3,5-6)
Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr! Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte. (Spr 6,6-8)
Wo viel Worte sind, da geht's ohne Sünde nicht ab; wer aber seine Lippen im Zaum hält, ist klug. (Spr 10,19)
Das Warten der Gerechten wird Freude werden; aber der Gottlosen Hoffnung wird verloren sein. (Spr 10,28)
Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott. (Spr 14,31)
Besser wenig mit der Furcht des HERRN als ein großer Schatz, bei dem Unruhe ist.
Besser ein Gericht Kraut mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Haß. (Spr 15,16-17)
Wer sich des Armen erbarmt, der leiht dem HERRN, und der wird ihm vergelten, was er Gutes getan hat. (Spr 19,17)
Die Weisheit als Gottes Liebling (Spr 8,22-36)
Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.
Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.
Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,
als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.
Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe,
als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe,
als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, daß sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,
da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Höret die Mahnung und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, daß er wache an meiner Tür täglich, daß er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.