
Im Hohelied oder im „Lied der Lieder“, wie es im Hebräischen heißt, wird das stärkste Gefühl, das wir Menschen kennen, besungen: die Liebe. Die Schönheit der Geliebten, die Sehnsucht nacheinander, die Vorfreude einer Begegnung und die Erinnerung an das Zusammensein werden in poetischer Sprache mit zahlreichen Vergleichen aus der Natur („Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben.“, Hld 7,8) geschildert.
Die Interpretatoren hatten allerdings mit diesem kurzen Buch, das keinen religiösen Bezug aufweist, und an manchen Stellen zu eindeutig erscheint, ihre liebe Not. Es wurden daher Versuche unternommen, den Text allegorisch (z. B. die beschriebene Liebe sei die Liebe Gottes zu den Menschen), dramatisch (z. B. Mädchen wird von König begehrt, bleibt jedoch ihrem Geliebten treu) oder rituell (z. B. Beschreibung bäuerlicher Hochzeitsbräuche) auszulegen. Heute geht man jedoch wieder verstärkt dazu über, den Text wörtlich zu nehmen und ihn als eine Sammlung altorientalischer Liebeslyrik aufzufassen.
Textbeispiele
Aufforderung an die Geliebte (Hld 2,10-13)
Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her! Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Die Blumen sind aufgegangen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Lande. Der Feigenbaum hat Knoten gewonnen, und die Reben duften mit ihren Blüten. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!
In der Nacht (Hld 5,2-3)
Ich schlief, aber mein Herz war wach. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft: »Tu mir auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Reine! Denn mein Haupt ist voll Tau und meine Locken voll Nachttropfen.« »Ich habe mein Kleid ausgezogen, - wie soll ich es wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, - wie soll ich sie wieder schmutzig machen?«
Die Macht der Liebe (Hld 8,6-7)
Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des HERRN, so daß auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so könnte das alles nicht genügen.