Die Bibel hat die zweitausendjährige Geschichte des Christentums in einzigartiger Weise geprägt; ja das christliche Bekenntnis und die Liturgie konnten überhaupt erst dank der biblischen Tradition formuliert werden. Bis heute verbindet die Bibel alle christlichen Kirchen und Konfessionen als Urkunde des Glaubens. Die Bibel ist aber nicht nur das Buch der Christen und der Kirchen.
Kaum jemand wird die Kultur Europas verstehen können, ohne sich mit der Bibel auseinandergesetzt zu haben. Hier ist die Kunst zu erwähnen: Darstellungen biblischer Szenen in Kirchen, aber auch in Museen. Spannend, wenn auch nicht immer unumstritten, ist die Auseinandersetzung moderner Künstler mit der Bibel.
Zu denken ist an die Musik: Bachs Passionen, Händels Messias oder Haydns Schöpfung stehen für die Werke vieler anderer. Mozart, Schubert und Brahms haben biblische Texte vertont. Einen ganz neuen Umgang mit biblischen Vertonungen zeigen Werke wie Schoenbergs „Moses und Aaron“ oder Franz Schmitts „Buch mit 7 Siegeln“.
Vor allem Luthers Bibelübersetzung ist für die Entwicklung der deutschen Sprache bedeutend. Die Bibel hat die Literatur von Goethes Faust bis Thomas Manns Josef-Roman beeinflusst. Selbst Bertolt Brecht, der alles andere als ein Kirchenchrist war, beantwortete die Frage nach dem für ihn beeindruckendsten Buch mit den Worten: „Sie werden lachen – die Bibel.“
Vom Einfluss der Bibel auf Philosophie und Ethik ganz zu schweigen. Hier ist es eine Herausforderung, auch den Kirchen nicht, nicht mehr oder noch nicht verbundenen Menschen Zugänge zur Bibel zu schaffen.
Die Bibel hat aber nicht nur die Kultur geprägt und die christliche Kirche durch die Jahrhunderte begleitet. Sie hat Millionen Menschen Orientierung auf dem Weg durch ihr Leben gegeben. Die Bibel ist eben ein ganz besonderes Buch. Nicht nur ein Bestseller, nicht nur ein rekordverdächtiges Buch, was die Übersetzung in bisher 2.426 Sprachen angeht. Die Bibel ist vor allem und zuerst ein Lebensbuch. Ein einzigartiges und faszinierendes Buch, ein Buch das Beziehungen stiftet und Menschen in Bewegung setzt. Trotz aller Missdeutungen und Missverständnisse – die Bibel ist missbraucht worden wie kaum ein zweites Buch – hat die Bibel in ihrer Geschichte bis heute nichts an ihrer Aktualität und an ihrem Anspruch verloren. Die Bibel hat gültige Antworten. Antworten auf die Grundfragen menschlichen Seins wie Woher komme ich ? Wozu lebe ich? Wohin gehe ich? In der Bibel begegnet uns Gott. Menschen erzählen, was er für ihr Leben bedeutete und was er noch heute bedeuten kann. Die in diesem Sinn „heilige Schrift“ lässt kaum jemanden kalt.
Dass die Bibel gerne als „kleine Bibliothek“ bezeichnet wird, ist bekannt.
Eine Vielzahl verschiedener Schriften, die über einen Zeitraum von etwa 1000 Jahren entstanden sind, sind in den zwei Bänden des Alten und Neuen Testaments zusammengefasst. Erzählungen, Briefe, Liedsammlungen, Prophetenworte, Lebensweisheiten, Gleichnisse Jesu – um nur einige zu nennen. Worte, die zunächst erzählt und erst in einem zweiten Schritt überhaupt aufgeschrieben und gesammelt wurden.
Was verbindet all diese Bücher, entstanden zu verschiedenen Zeiten, verfasst von verschiedenen Autorinnen und Autoren? Man könnte es mit einem Wort zusammenfassen: der gemeinsame Glaube. Oder anders: Die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Menschen der Bibel haben erfahren, dass ihr Gott mit ihnen geht und auf der Seite des Lebens steht. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Sie wurde geschrieben von Menschen in menschlicher Sprache. Alle Bücher der Bibel spiegeln in ihrer Verschiedenheit Erfahrungen von Menschen mit Gott. Diese Erfahrungen wollen Hörer und Leser der Botschaft dazu einladen, eigene Erfahrungen zu machen.
Weil die Bibel zu allen Zeiten Menschen faszinierte und bewegte, wurde ihre Botschaft weitergesagt, gepredigt und verkündigt. Deshalb wurde die Bibel abgeschrieben und übersetzt, zunächst ins Lateinische. Die Lateinische Bibel, vor allem in der Übersetzung des Kirchenvaters Hieronymus wird für Jahrhunderte die Bibel Europas schlechthin. Freilich, die lateinische Sprache ist nicht für jedermann verständlich. Schon im frühen Mittelalter werden daher einzelne Teile der Bibel ins Althochdeutsche übersetzt. In Klöstern wird die Bibel gelesen, ausgelegt, diskutiert, kommentiert und vor allem – abgeschrieben. Wunderbare Prachthandschriften, Meisterwerke der Buchmalerei, entstehen in den Schreibstuben. Initialverzierungen, Miniaturen schmücken die Seiten; Lebenswerke vieler Mönche. Die Bibelausgaben sind nicht billig, aber es werden weder Mühe noch Kosten gescheut, um Bibeln abzuschreiben und zu verbreiten. Den vielzitierten „einfachen“ Menschen war die Bibel nicht fremd. Sie konnten zwar oft nicht lesen und schreiben, die christliche Kunst und Frömmigkeit mit Glasfenstern, mit Wand- und Deckenmalereien in Kirchen und Klöstern, mit Gebeten und Liedern, mit szenischen Darstellungen der biblischen Geschichten in Krippenspiel und Passionsspiel hielt die Bibel lebendig. Biblische Geschichten werden erzählt und gehört und weitererzählt und die sog. „Armenbibeln“, wo die biblische Botschaft in Holzschnittbildern zwar nicht den „Armen“, aber immerhin weiteren Kreisen der Bevölkerung zugänglich war, zeigen, wie populär die Bibel im Mittelalter war.
Bibelübersetzungen ins Deutsche setzten im Spätmittelalter ein. Das Bedürfnis, die Bibel zu lesen, wurde immer größer. Die Herstellung von Papier und Erfindung des Buchdrucks machten Bibelverbreitung im größeren Stil möglich. Die Reformation betonte die herausragende Stellung der Bibel als alleinige Offenbarungsurkunde „sola scriptura“. Es war ein großes Anliegen der Reformation, Bibelübersetzungen für jedermann zu schaffen.
Exemplarisch sei hier die Bibelübersetzung Martin Luthers genannt, die bis heute ein einzigartiges Sprach- und Glaubensdokument ist. Luther, der beim Übersetzen aus dem Hebräischen und Griechischen „dem Volk aufs Maul schaute“, schuf die bekannteste allgemein verständliche Bibelübersetzung des 16. Jahrhunderts. In Österreich sollte die Bibel im Zuge dieser Bewegung weite Verbreitung finden. Unterricht ermöglichte die Alphabetisierung und so vielen das persönliche Lesen der Heiligen Schrift. Es soll und darf heute nicht verschwiegen werden, dass im Folgenden eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte der Bibel seinen Lauf nahm. Im Zuge der Gegenreformation wurde die Bibel zum verbotenen Buch, zum Buch das Christen spaltete. Eine Geschichte der Trennung, Verfolgung und Angst begann. Bibeln wurden verbrannt, Menschen verhört, vertrieben oder umgebracht. Bekannt ist das Gedicht eines um seines Glaubens willen vertriebenen Protestanten Ende des 17. Jahrhunderts. „Man tut mich aus dem Vaterland um Gottes Wort vertreiben“. Andernorts ist zu lesen: „Man suchet Gottes Wort in Schriften zu verbrennen, doch hat die Wahrheit nicht zugleich verbrennen können.“ Die Bibel wird zum Buch der Protestanten; von diesen wird sie heimlich gelesen, auswendig gelernt und hoch geschätzt. In entlegenen Gegenden unseres Landes werden gerne noch alte Bibeln gezeigt, die unter Dachsparren und in doppelten Böden versteckt worden waren und die Jahrhunderte überdauert haben. Die Erinnerung an diese Zeiten mag uns heute befremden. Die Bibel war und ist ein unbequemes Buch. Sie ist ohne Zweifel das am heftigsten umstrittene und umkämpfte Buch der Geschichte. Noch heute ist sie in zahlreichen Ländern der Erde verboten.
Es ist gut, dass diese Geschichte der Trennung in unserem Land vorüber ist. Es ist gut, dass im 20. Jahrhundert – so lange sollte es dauern! – alle christlichen Kirchen die Bibel entdeckt haben und über der Bibel die Kirchen auch wieder auf dem Weg zueinander sind. Der Bibelbewegung in der katholischen Kirche kam seit Anfang des 20 Jahrhunderts hier eine Vorreiterrolle zu. Eine ganz entscheidende Wende sollte das zweite Vatikanische Konzil bringen: „Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die Christgläubigen weit offen stehen“; zur „häufigen Lesung der heiligen Schriften“ wird eingeladen. Hilfen zur Erklärung und zum besseren Verstehen der Bibel sollen gegeben werden.
Christen der verschiedenen Konfessionen lesen heute gemeinsam die Bibel, leben mit und aus der Bibel, sind gemeinsam unterwegs.
Und so sind sich heute – Gott sei Dank – Vertreter aller christlichen Kirchen darüber einig, dass die Bibel für Österreich auch am Beginn des 3. Jahrtausends eine wichtige Botschaft hat, eine wichtige Botschaft nicht nur für Österreich, sondern auch für ein zusammenwachsendes Europa und eine komplexer werdende Welt.
Menschen sind eingeladen, die Bibel zu öffnen. Augustinus sei hier erwähnt, der die eindringliche Stimme hörte „nimm und lies, nimm und lies“ – die Begegnung mit der Bibel sollte sein Leben verändern. Menschen sind gefragt, sich herausfordern zu lassen von der tiefen Wahrheit der Bibel. Sie sind gefragt, Vorläufiges und Vordergründiges im Licht der Botschaft der Bibel hinter und neben sich zu lassen. Als Beschenkte, Erneuerte und Verwandelte mögen sie dann ermutigt die Welt im Geiste der Bibel gestalten. Im Geiste der Bibel – denn nicht der Buchstabe, die wortwörtliche Formulierung, steht im Zentrum der Bibel, sondern die frohe Botschaft. In diesem Sinn ist die Bibel nur Wegweiser zum Ziel. In diesem Sinn sind die Evangelisten wie Paulus Wegweiser auf das lebendige Wort, Jesus Christus.