Wissenschaftliche Interpretationsmethoden
Die Versuche, biblische Texte auszulegen und die verschiedenen Schichten in ihnen sichtbar zu machen, sind so alt wie die Bibel selbst. Bereits die Rabbinen und Kirchenväter in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten erkannten, dass es nur in seltenen Fällen sinnvoll ist, die Texte der Bibel wörtlich zu nehmen, und entwickelten eigene Auslegetechniken, mit deren Hilfe sie noch mehr aus dem Text „herausholen“ konnten (mehrfacher Schriftsinn).
In der modernen Bibelwissenschaft sind gegenwärtig neben der klassischen historisch-kritischen Methode mehrere Auslegungstechniken in Gebrauch, die entweder in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftsdisziplinen entwickelt wurden (tiefenpsychologische Bibelauslegung, materialistische und sozialgeschichtliche Auslegung), einen persönlichkeitszentrierten Zugang zur Bibel suchen (dialogische Exegese) oder die Texte unter einem bestimmten Fokus betrachten (feministische Hermeneutik, kanonische Schriftauslegung). Trotz vieler interessanter Ergebnisse, die mit Hilfe dieser Methoden gewonnen werden konnten, muss darauf hingewiesen werden, dass sie auch ihre Grenzen haben und nicht überall auf Akzeptanz stoßen.
Die historisch-kritische Methode
Diese Lesart der Bibel wurde im 19. Jahrhundert als die wissenschaftliche Methode entwickelt. Sie geht davon aus, dass jeder Text mindestens zwei Dimensionen aufweist: 1.) Die Verhältnisse im Text, also die ursprüngliche Geschichte, und 2.) die Zusätze, die durch den Verfasser in den Text gelangt sind. Da zwischen den geschilderten Ereignissen und ihrer schriftlichen Fixierung oft Jahrhunderte liegen, sind diese Unterschiede für das Verständnis der Stelle oft sehr aufschlussreich.
Um die Trennung zwischen diesen beiden Dimensionen durchzuführen, werden zum einen Erkenntnisse aus der Geschichtswissenschaft und der Archäologie zur Hilfe genommen. Sie dienen zu Bestimmung des „realen“ Hintergrunds der Bibel: Wann regierte welcher König? War Jericho zur Zeit Joschuas bereits zerstört? Ist der Kindermord des Herodes auch außerbiblisch belegt?
Zum anderen wird der Text selbst unter die Lupe genommen: Sprachliche Unebenheiten, Verwendung bestimmter Ausdrücke oder Wendungen, Geschichten, die doppelt erzählt werden (Dubletten) oder nicht zueinander passen (Brüche), Anachronismen u. ä. „verraten“, dass an dieser Stelle „gearbeitet“ wurde. Zudem gewinnt man beim Lesen eines Textes Informationen über den Autor (Stil, Einstellung), die wiederum zur Interpretation herangezogen werden kann. Dieser Vorgang wird als Hermeneutischer Zirkel bezeichnet.
Am Ende dieses Arbeitsvorgangs sollten die Fragen nach den Entstehungsumständen des Textes, der ursprünglichen Aussage der Stelle („Sitz im Leben“) sowie dem Einfluss des Autors oder der Autoren und Bearbeiter beantwortet sein. Da sich die historisch-kritische Methode nur den manifesten, rein kognitiv erschließenden Aussagen des Textes zuwendet, erschient sie in vielen Fällen durch andere Lesarten ergänzungsbedürftig.
Die tiefenpsychologische Bibelauslegung
Von C. G. Jung stammt die Lehre des „kollektiven Unbewussten“: In diesem haben sich alle menschlichen Erfahrungen gesammelt, die sich dann in Form von Archetypen (der Schatten, Animus und Anima, das Selbst), Symbolen, mythischen Vorstellungen und Bildern manifestieren. Da wir dieses kollektive Unbewusste mit dem biblischen Menschen teilen, stellt es eine Möglichkeit dar, eine Verbindung über die Jahrtausende herzustellen. All diese verschlüsselten Botschaften haben zum Ziel, den Weg zu einem ganzheitlichen und gelungenen (d. h. auch seine negativen Persönlichkeitsanteile integrierenden) Leben zu weisen.
So steht beispielsweise Jakobs animalischer Zwillingsbruder Esau für dessen Schatten, der ihn so lange verfolgt, bis er sich mit ihm versöhnt. Symbole wie die Himmelsleiter (Ganzheitssymbol, Verbindung entgegengesetzter Pole), die Überschreitung eines Flusses (Wende, Neubeginn) oder die aufgehende Sonne (neue Lebenskraft nach Aussöhnung mit den verleugneten und bekämpften Persönlichkeitsanteilen) begleiten diesen Selbstwerdungsprozess Jakobs.
Die kanonische Schriftauslegung
Diese Interpretationsmethode blendet alle entstehungsgeschichtlichen Fragestellungen bewusst aus und konzentriert sich ganz auf den biblischen Text in seiner Jetzt-Fassung. Dabei wird besonders auf Zusammenhänge innerhalb der gesamten Bibel geachtet – daher auch die Bezeichnung kanonisch. Auf diese Weise wird versucht, eine gesamtbiblische Perspektive zu Themen wie Sünde, Hoffnung, Freiheit u. ä. zu erstellen. Da der biblische Kanon nachweislich historisch gewachsen ist und dazu in den einzelnen Konfessionen Unterschiede aufweist, erscheint diese Vorgehensweise mitunter etwas beliebig.
Die dialogische Exegese
In diesem Verfahren wird der Text vor allem in Bezug auf die Erwartungen und Erfahrungen des Lesers betrachtet. Seine Wirkung wird durch künstlerische Darstellungen, literarische Texte und Vertonungen biblischer Themen unterstützt, die verschiedene Aspekte des Textes sichtbar machen sollen. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung der eigenen Wahrnehmung: Was lösen diese Worte in mir aus? Dieser subjektive und erlebnisorientierte Zugang zur Bibel verzichtet bewusst auf eine einheitliche und abschließende Deutung.
Die feministische Hermeneutik
Diese Strömung betrachtet die Bibel als Produkt patriarchalischer Gesellschaften und Herrschaftsstrukturen. In diesem Sinne versucht sie, die biblische Botschaft und das Gottesbild von ihren zeit- und kulturbedingten patriarchalischen Vorstellungen abzulösen.
Einen anderen Schwerpunkt bildet die Erforschung der Frauentraditionen in der Bibel: Von Eva im Paradies über die listige Dalila bis Maria Magdalena unterm Kreuz – immer wieder spielen Frauen in der Bibel eine besondere Rolle.
Kritisch betrachtet werden sollte diese Auslegungsmethode jedoch dann, wenn mit pseudo-wissenschaftlicher Argumentation feministisches Gedankengut in den biblischen Text hineingewürgt wird: Nur weil das hebräische Wort für „Geist, Wind (ruach)“, in dem Gott gegenwärtig ist, grammatikalisch ein Femininum ist, wird aus Gott keine Frau!
Die materialistische und sozialgeschichtliche Auslegung
Im Interesse dieser Zugangsweise stehen die Produktionsbedingen des Textes sowie die Lebensumstände des Autors. Von den aus den biblischen Texten rekonstruierten Verhältnissen wird ein kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen in der Gegenwart geworfen. Ein Beispiel hierfür wäre die Reflektion über die Formen zwischenmenschlicher Gewalt – was stösst uns heute ab, wo ist hingegen die heutige Welt um vieles brutaler?
Da die dafür herangezogenen Erklärungen und Wertungen immer von der jeweiligen Gesellschaftstheorie abhängen, kann hier von keiner einheitlichen Auslegungsmethode gesprochen werden.