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Hinwenden zum Guten

Gedanken zur Jahreslosung 2019 von Gerold Lehner.

 

Jahreslosung 2019: "Suche Frieden und jage ihm nach!" (Psalm 34,15)

 

Eigentlich ist das ein ziemlich schräges Bild: den Frieden jagen. So, als wäre er eine Beute, die es zu erlegen gilt. 

Ich denke an ein Bild aus einer Dokumentation über Tiger. Dort war eine Aufnahme zu sehen, wie er jagt. Das Eindrücklichste waren seine Augen. Sie waren von einer unglaublichen Konzentration, die alles andere ausgeblendet hat. Alles war auf das Ziel ausgerichtet und auf es fokussiert.

 

Zugemutetes und Anzustrebendes 

Es gibt Dinge im Leben, die widerfahren uns. Sie geschehen uns, wir finden uns in ihnen vor, wir können sie nicht verändern. So manches Leid, das uns zugemutet wird, gehört in diese Kategorie. Es ist interessant, dass Jesus die selig preist, die Leid tragen (Mt 5,4), – was ja auch ein höchst aktives Tun ist. Aber dieses Handeln unterscheidet sich von dem, wenn er weiter sagt: Selig sind, die Frieden tun (Mt 5,9). 

Es gibt also zum einen so etwas wie ein Umgehen mit Zugemutetem und zum anderen ein Erstreben von noch nicht Vorhandenem. Das eine ist da, und ich muss damit umgehen. Das andere ist noch nicht da und ich bin es, der es schafft.

 

Eine Bewegung – zwei Resultate 

Mit der Jahreslosung befinden wir uns auf der Seite dessen, was aktiv zu tun ist, was anzustreben ist.

Etwas, das uns nahe gelegt wird zu tun, wenn wir wollen, dass unser Leben gelingt, dass es gutes Leben ist. Leben, das mit Freude zu tun hat und auch mit Schönheit. Ein solches Leben wird gelebt in Ehrfurcht vor dem, der es gegeben hat. Und es hat zwei grundlegende Bewegungen, die es prägen: 

„Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15) Es geht um einen Gegensatz, der elementar ist, und der unser Leben prägt. Es gibt dasjenige in uns und um uns, das zerstört, zersetzt, vergiftet und beschädigt. Und es gibt dasjenige in uns und um uns, das aufbaut, beflügelt, Kräfte freisetzt und das Leben heil macht. 

Der Friede steht für ein Leben, das nicht mehr aus der Wurzel der Verletzung, der Kränkung gespeist wird. Es wird nicht von einer (unterschwelligen) Aggression angetrieben, die sich nicht anders als durch Verletzung und Kränkung zu behaupten weiß. 

Dieser Frieden geschieht aber nicht von selbst. Zu diesem Frieden kommt es, wenn man sich Schritt für Schritt und immer von Neuem dem zuwendet, das heilsam ist, das zum Frieden führt – und das meidet, sich von dem abwendet, sich von dem trennt, was den Neid schürt und den Zorn und das Gefühl, zu kurz zu kommen.

 

Die Bibel im Gefängnis … 

Für mich gehört es zum Eindrücklichsten, von Gottes Gnade und Erbarmen im Gefängnis zu reden. Jedes Jahr, wenn ich im Advent dort bin, habe ich das Gefühl, dass die Weihnachtsbotschaft gerade hier ihren eigentlichen Ort hat. Wo sie in unserem „normalen“ Leben oft zur Dekoration und zum sentimentalen Beiwerk verkommt, da ist sie im Gefängnis jenes Licht, das es vermag, Hoffnung zu wecken. 

Diese Hoffnung braucht Nahrung, braucht Erde und Wurzelgrund, muss genährt werden. Wir bringen die Bibel in Gefängnisse. Wir glauben, in ihr finden wir, was uns heilt und aufbaut und Kräfte freisetzt. Wer sie liest, der taucht ein in Hoffnung und Herausforderung, der orientiert sich am Licht. Und weil er sich am Licht orientiert, wendet er sich ab von dem, was uns sonst im Griff hat: unser unerlöstes Leben. 

Und so wird die Bibel im Gefängnis zu einem Teil der Bewegung, die unsere Jahreslosung skizziert: wende dich ab von dem, was destruktiv ist, gehe dorthin, wo du das Gute spürst, das, was heil macht und zum Frieden kommen lässt. 

 

… und die Bibel „draußen“. 

Die Bewegung, die im Gefängnis vielleicht deutlicher sichtbar ist als „draußen“, ist dennoch eine Bewegung, die es gilt, Tag für Tag einzuüben. 

Denn gefangen sind wir durchaus auch in unseren (schlechten) Gewohnheiten, in dem, womit wir uns umgeben, in dem, was wir (in vielfältiger Weise) konsumieren, in dem, was wir (selektiv) wahrnehmen und worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. 

Da ist es hilfreich, tut es gut, erschließt es neue Möglichkeiten und Sichtweisen, wenn man Jesus lesend in den Evangelien folgt. Wenn man den hört, der den Gefangenen die Freiheit verkündet (Lk 4,18). Ihn, der denen, die sich für sehend halten und doch blind sind, die Augen öffnet. Ihn, der es vermag, jenen Heilung zu bringen, deren Herz zerbrochen ist und deren Leben in Trümmern liegt. 

Ihm zu folgen, seine Worte zu hören, zu lesen, nachzusprechen, eröffnet Wege, lässt uns in eine Gegenwart eintreten, die heilsam ist. Das fordert uns heraus, unser Verhalten zu überdenken, zu ändern und dieses Neue auch einzuüben, es (gute) Gewohnheit werden zu lassen.

 


 

Dr. Gerold Lehner ist Superintendent der Evangelischen Superintendentur A.B. Oberösterreich und Präsident der Österreichischen Bibelgesellschaft.

Dieser Text ist ein Auszug aus unserem Magazin "die Bibel aktuell".

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