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Bibelexpertin Jutta Henner im Interview

Über die neue Fassung der Lutherbibel und wie man mit schwierigen Stellen in der Bibel umgehen kann.

Das folgende Interview ist ein Ausschnitt aus "das ganze Interview" (ORF III), die Fragen stellte Christoph Riedl-Daser von ORF Religion.


Christoph Riedl-Daser: Sie sind evangelische Theologin und leiten seit 1996 die Österreichische Bibelgesellschaft. Man kann also etwas überspitzt sagen, sie beschäftigen sich seit 21 mit immer demselben Buch.

Jutta Henner: Eigentlich ja – ohne dass es je langweilig geworden wäre.

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Die Bibel ist das meistverkaufte Buch der Welt – braucht das überhaupt noch Werbung? Wenn man jemanden fragt: „Was ist die Bibel?“ So kann doch jeder eine Antwort darauf geben...

Die Bibel ist sicher das meistgedruckte, meistverkaufte, meistverbreitete Buch der Welt. Im Jahr 2015 waren es über 34 Millionen Bibelausgaben weltweit. Damit ist es aber noch nicht das meistgelesene, das meistverstandene. Wer in unseren Breiten eine Bibel möchte, hat einen Zugang, er hat eine im Regal stehen, kann im Internet eine App runterladen. Da geht es eher darum: Wie lese ich, wie verstehe ich die Bibel? In anderen Ländern der Welt geht es eher darum, eine Bibel zu bekommen. Es geht immer darum, Zugänge zu schaffen, die aber ganz anders aussehen können.

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Für die überarbeitete Fassung der Lutherbibel wurden von den 36.000 biblischen Versen in der Fassung von 16.000 überarbeitet. Hat man dabei die „Zeichen der Zeit“ im Licht des Evangeliums gedeutet oder hat man umgekehrt die Bibeltexte aus heutiger Sicht neu interpretiert?

Es ist die Frage des Herangehens. Gehe ich von der Situation, der Welt, der Menschen, des Individuums heute aus und spiegele ich diese Erfahrungen in der Bibel und trage Antworten zurück? Oder komme ich von der Bibel und versuche sie auf die Menschen zu übertragen? Es sind zwei Zugänge, ich würde sagen, beide gehören zusammen.

Menschen können, dürfen und sollen ihre Erfahrungen, Fragen, Sorgen, Ängste, Hoffnungen in den biblischen Texten bergen. Aber die Bibel hat auch ein Korrektiv-Potenzial. Sie spricht auch unbequem in jede Zeit.

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Und sie spricht auch in Versen und Worten, die man durchaus heute missverstehen könnte. Da sind Aufrufe zur Gewalt zu lesen, zur Verfolgung, zur Ausgrenzung. Wie viel Begleitung, wie viel Interpretation braucht Bibel?

Bibelübersetzung ist das eine. Das ist der Anfang der Auslegung. Aber Bibel braucht weitere Auslegung - ob das jetzt im Religionsunterricht, in der Erwachsenenbildung oder in der Predigt erfolgt.

Gerade bei den sogenannten schwierigen Texten der Bibel ist es wichtig, dass man sich die Entstehungszeit und die Entstehungssituation der biblischen Texte vor Augen hält und nicht alle biblischen Aussagen gleichermaßen gewichtet. Das Zweite Vatikanische Konzil hat später den Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ geprägt.

In ähnlicher Weise hat die Reformation, insbesondere Martin Luther, das schon auf die Bibel angewendet. Er hat gesagt:  Jesus Christus ist die Mitte der Schrift, von ihm her will alles gelesen werden. Man hat durchaus zugegeben, dass es „dunkle Stellen“ gibt, mit denen man sich schon vor 500 Jahren schwergetan hat. Da war klar: Die sind von den „hellen“ her zu lesen. Aber nicht alle biblische Texte sind in einer nahezu fundamentalistischen Weise von gleichem Gewicht und gleicher Gültigkeit.

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Und weil es diese Interpretation und Begleitung braucht, macht es vermutlich wenig Sinn, sich einzelne Verse bei Diskussionen um die Ohren zu hauen, sondern es geht immer um den Kontext. Verstehe ich Sie da richtig?

Ich denke, das ist eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, dass dieses „Zitate-aus-dem-Kontext-reißen“, was durchaus immer wieder in der Geschichte modern war, nicht sinnvoll ist.

Die Bibel ist ein Buch aus einer Erzählkultur. Sehr vieles ist erzählte Theologie. Die Bibel ist keine Dogmatik und kein juristisches Buch – auch wenn Gesetzesgesetze drin vorkommen. Es sind Erzählungen des Weges Gottes mit den Menschen. Zur Bibelauslegung gehören Wissen und Information, da gibt es Publikationen dazu. Aber es ist auch immer eine Gewissensentscheidung.

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Bibelexpertin Dr. Jutta Henner im Gespräch mit Christoph Riedl-Daser von ORF Religion.


Dieses Gespräch wurde im Rahmen der Sendung "das ganze Interview" am 1. November um 17:55 auf ORF III ausgestrahlt.

Bis 7. November können Sie dieses auf der TVthek nachschauen. 

Österreichische Bibelgesellschaft

Bibelzentrum beim Museumsquartier,

Breite Gasse 4-8/1, 1070 Wien,

Tel: 01/ 523 82 40, Fax: DW 20

Öffnungszeiten des Bibelzentrums: Montag-Freitag 9.30 - 16.00, Donnerstags bis 20.00 Uhr,
(Gruppen jederzeit
nach Vereinbarung)

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