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Ukrainische Bibelübersetzungen aus Wien

Die aktuellen Auseinandersetzungen in der Ukraine haben neues Interesse an der Geschichte und kulturellen Entwicklung dieses Staates geweckt. Dazu gehört die literarische Blüte im 19. Jahrhundert, die mit der Unabhängigkeitsbewegung verbunden war. In diesem Zusammenhang sind die ersten modernen Bibelübersetzungen im Ukrainischen entstanden, die von Wien ausgegangen sind. Traditionelle Texte der orthodoxen Kirche waren im Slawonischen, einem liturgischen Kirchenslawisch aus dem 16. Jh. abgefasst, die von der Bevölkerung im 19. Jh. nicht mehr verstanden wurden.

Ukrainische Schriftsteller und Wissenschaftler übersetzten daher im 19. Jh. biblische Texte und das Neue Testament in das damals zeitgenössische gesprochene Ukrainisch – in den Bibelausgaben steht meist als Sprachenangabe „Ruthenisch“. Die Voraussetzung dafür schuf der Ethnologe und Schriftsteller Pantelejmon Kulisch (1819-1897), der 1856 – während eines unruhigen Reise- und Wanderlebens in Ost- und Westeuropa - ein phonetisches ukrainisches Alphabet entwickelte, das sich als „Kulischovka“ bewährte. Neben seiner journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit- er verfasste zahlreiche Romane und historische Werke,  – übersetzte er in Lemberg 1869 die fünf Bücher Mose. In Wien traf er 1870 den ukrainischen Physiker Johann (Iwan Pawlowitsch) Puljuj (1845-1918), der hier als Assistent und Privatdozent an der Universität arbeitete. Er hatte gleichzeitig mit Wilhelm Röntgen die Kathodenstrahlung und deren Bedeutung für die medizinische Röntgendiagnostik entdeckt. Gemeinsam mit Kulisch übersetzte er das Neue Testament in das zeitgenössische Ukrainisch. Die Britische und Ausländische Bibelgesellschaft unter Leitung von Henry Millard, seit 1850 erstmals, durchgehend seit 1864 von Wien aus für die Völker der Donaumonarchie tätig und neue Übersetzungen fördernd, veröffentlichte dieses ukrainische Neue Testament in Wien und sorgte 1887 für eine Neuauflage in Lemberg in slawonischen und lateinischen Buchstaben. Eine vollständige ukrainische Bibelübersetzung ist 1962 durch die Bibelgesellschaft in London veröffentlicht worden. Inzwischen gibt es eine ökumenische Bibelübersetzung; das Neue Testament ist 1997 erschienen, die Vollbibel 2008.

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Die Gedenktafel in der Skodagasse 9 erinnert an Puluj und Kulisch. Foto: viennatouristguide.at

Die beiden Bibelübersetzer sind nicht vergessen worden. Im Jahr 1998 wurde ihnen von der österreichisch-ukrainischen Gesellschaft in Wien an ihrem Wohnhaus in der Skodagsse 9 eine Gedenktafel mit Reliefs der beiden Übesetzer gestiftet, auf der in ukrainischer und deutscher Sprache ihre Leistung als Bibelübersetzer gewürdigt wird. Im Wiener Bibelzentrum werden historische Beispiele der frühen Übersetzungen aufbewahrt und Exemplare der aktuellen Übersetzung können erworben werden. Die Gedenktafel ist vermutlich die einzige sichtbare Erinnerung in Wien an die Bedeutung der ehemaligen Kaiserstadt für die Bibelübersetzung und –verbreitung in Mittel- und Osteuropa.

Harald Uhl

Österreichische Bibelgesellschaft

Bibelzentrum beim Museumsquartier,

Breite Gasse 4-8/1, 1070 Wien,

Tel: 01/ 523 82 40, Fax: DW 20

Öffnungszeiten des Bibelzentrums: Montag-Freitag 9.30 - 16.00, Donnerstags bis 20.00 Uhr,
(Gruppen jederzeit
nach Vereinbarung)

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